lange Nase als Symbol für Lüge

„Die Lüge ist ein sehr trauriger Ersatz für die Wahrheit, aber sie ist der einzige, den man bis heute entdeckt hat. “ Elbert Hubbard (Das Bild ist möglicherweise urheberrechtlich geschützt.)

Ich lüge. Sie lügen. Wir alle lügen. Lügen gehört zur menschlichen Natur wie das Amen an den Schluss des Vater-unsers. Wir lügen, was das Zeug hält, und zwar solange, bis sich die Balken biegen. Manche können sogar das Blaue vom Himmel herunterlügen. Gute Lügner werden bewundert. Oscar Wilde attestiert dem Lügner gar Künstlerqualitäten. Allerdings sind die meisten Menschen schlechte Lügner, wie das Beispiel von Pinocchio zeigt, dem bei jeder Lüge die Nase wächst. Angeblich haben Lügen kurze Beine, zumindest aber werden viele rot beim Lügen, während andere wiederum Meister darin sind, zu lügen ohne rot zu werden. 

Die Wahrheit über das Lügen

Glaubt man dem Soziologen Max Weber, so gibt es die Lüge eigentlich gar nicht, da wir dank unseres „subjektiv gemeinten Sinns“ immer über eine plausible Erklärung verfügen, warum wir etwas so erzählen, wie wir es eben erzählen und nicht anders. Da taucht in einem der Verdacht auf, dass alles Lüge ist. Klingt ein bisschen paradox.

Wir leben in einer Lügengesellschaft, schreibt der Soziologe Robert Hettlage, und gewinnen durch den „kreativen Prozess des Lügens“ Vorteile gegenüber andern, in dem wir sie irreführen. Und selbst das Schweigen kann eine Lüge sein. Wie auch immer: Die Lüge verhilft dem Menschen zu Anerkennung. Wir können gar nicht anders.

Sicherheit durch Lüge

Die Lüge scheint erst in den letzten Jahrhunderten so richtig in Mode gekommen zu sein, nämlich seit der Entzauberung der Welt, also seit dem Zeitpunkt, als die Menschen die Religion und damit auch traditionelle Werte wie die Familie in Frage zu stellen begannen. Die Versachlichung unserer Existenz brachte uns nicht nur Freiheit, sondern auch Unsicherheit. Da man sich nun nicht mehr aus der „gottgegebenen“ Verantwortung stehlen konnte, musste sich jeder selber für seine Taten und Beziehungen rechtfertigen. Seither gibt es die absolute Sicherheit nicht mehr: Glaubwürdigkeit und Vertrauen sind nicht mehr gegeben, sondern müssen sozial erworben, hergestellt oder inszeniert werden (Hettlage).

Wahre Lügen und halbe Wahrheiten

Aber auch die Bibel ist voller Täuschungen und Selbsttäuschungen: So erschlich sich Jakob den Segen seines blinden Vaters, als er vorgab, sein Bruder Esau zu sein. Und die Hebammen täuschten den Pharao, alle hebräischen Buben umgebracht zu haben. Es gab sogar einen Diskurs darüber, dass Jesus sich selbst verstellt und das sündige Fleisch angenommen hatte, ohne sündig gewesen zu sein. Das bewog die Kirchenfürsten dazu, das Phänomen der Lüge etwas differenzierter nach Täuschung, Notlüge, Irrtum, Schweigen usw. zu betrachten und zu ahnden.

In allen Epochen beschäftigten sich Denker und Dichter mit der Lüge, wie der Anthropologe Volker Sommer in seinem Buch „Lob der Lügengesellschaft“ aufzeigt.  Es geht dabei immer auch um die Frage nach der Abgrenzung von „Wahrheit“ und „Lüge“. Interessant ist daher auch Augustinus‘ Empfehlung, mehr nach dem „Wahr-halten“ statt nach der „Wahr-heit“ zu forschen. Was halte ich für wahr, ist die entscheidendere Frage.

Werbung: Den Schein verantwortungsvoll wahren

Menschen erwarten insbesondere von der Werbung einiges an Un- und Halbwahrheiten. Typischerweise geht es in Marketing und Kommunikation darum, „konstruktive“ Botschaften zu senden, schädigende Informationen möglichst zu unterbinden und das Publikum für sich einzunehmen. Werbung muss verkaufen. Das lässt sich nicht leugnen. Da es immer mehr – und vor allem immer mehr vergleichbare – Produkte und Dienstleistungen gibt, müssen Produkteigenschaften dramatisiert werden. Das kann hinsichtlich des Preises, der Qualität, des Serviceumfangs und weiterer sozialer Werte erreicht werden. Denn die Nachfrage nach Produkten ist die Grundlage für den wirtschaftlichen Erfolg eines Unternehmens. Was nicht gesehen wird, existiert nicht.

Dieser Ruf, es mit der Wahrheit nicht so genau zu nehmen, kann auch eine Chance sein. Denn wenn wir ohne Lüge, aber auch ohne Wahrheit nicht leben können, sondern uns viel mehr durch ein selbst gewobenes Lebensmuster von Halbwahrheiten und Scheinlügen bewegen, so sollten wir darauf achten, bei unserem für Wahr-halten verantwortungsvoll zu handeln.

Auch wenn es heisst, halbe Wahrheiten seien die schlimmsten Lügen.

 

  • Hettlage, Robert (Hrsg.). Verleugnen, Vertuschen, Verdrehen: Leben in der Lügengesellschaft (Analyse und Forschung). 2003: Konstanz.
  • Sommer, Volker. Lob der Lüge. Täuschung und Selbstbetrug bei Tier und Mensch. 1992: München.
  • Weber, Max. Soziologische Grundbegriffe. 1984: Tübingen.

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